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Kim Falkenberg:  Wenn Morris kommt

Kim Falkenberg: Wenn Morris kommt

Wir kennen es alle. Plötzlich sieht man jemanden, der gar nicht da sein kann. Ja, wir wissen, jeder Mensch soll irgendwo einen Zwilling haben oder zumindest eine Art Clone, der so aussieht, wie man selbst. Doch was ist, wenn man Tote sieht. Oder sind es dann gar keine Leichen? Fragen, die ich Ihnen nicht beantworten will. Und Kim Falkenberg? Vielleicht … vielleicht auch nicht und vielleicht meint er etwas ganz anderes:  MAZ ab! wie man früher so schön sagte.

Kim Falkenberg

 

Wenn Morris kommt

 

Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,

Hoffst du von Tagen zu Tagen,

Was dir der blühende Frühling nicht trug,

Werde der Herbst Dir noch tragen!

(Friedrich Rückert)

 

 

Es war im Jahr 1957, ich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal zehn Jahre alt, da ging unser Nachbar, ich glaub, er hieß Walter mit Nachnamen, eines Nachts in seine Garage. Dort nahm er eine doppelläufige Schrotflinte, die vielleicht dort lag, vielleicht hatte er sie auch mitgenommen, spielt eigentlich auch keine Rolle, steckte sich den Lauf in den Mund und erschoss sich. An und für sich ist dies kein großes Ereignis, ständig erschießen sich Menschen oder werden erschossen. In einer amerikanischen Großstadt ist dies vermutlich so normal wie das Rasenmähen. Wahrscheinlich horcht man dort nur auf, wenn es einen Bekannten oder Familienmitglied erwischt hat. Hier war es etwas anders. Wir lebten auf einem Dorf, wo ich immer noch lebe und derartige Vorfälle waren selten, sehr selten. Die Welt war hier in Ordnung, man kannte sich und selbst wenn man sich nicht kannte, wusste man übereinander Bescheid. Zumindest glaubte man das. In unserer Straße kannten sich jedenfalls alle. Man grüßte sich und unsere Eltern trafen sich dann und wann auf ein Bier zusammen, während wir Kinder aus der Nachbarschaft miteinander im Garten, oder auf der Straße spielten. Es lebte sogar eine jüdische Familie in unserer Straße. Es waren die einzigen Juden im ganzen Dorf, sofern ich das wusste und alle Bewohner unseres Ortes waren stolz darauf. „Das sind anständige Menschen“, sagte mein Vater immer. Wenn in diesem kleinen Ort nun derartiges passiert, dann wird die Dorfgemeinschaft natürlich erst einmal hellhörig. Der Witwe machte man keinen großen Vorwurf, sie konnte natürlich überhaupt nichts dafür. Aber hatte sie nicht einen Liebhaber? Und als sie vier Wochen, es mussten vier Wochen gewesen sein, mit ihrem neuen Lebensgefährten im Ort gesehen wurde, sah sich natürlich jeder bestätigt und alle Vorwürfe, die man vorher noch hinter vorgehaltener Hand sich erzählte, waren nun eine offen auszusprechende Tatsache. So ist das in einem Dorf wie diesem. Die Menschen leben hier, arbeiten, feiern zusammen und sterben irgendwann. Und als sich der bedauerliche Nachbar von gegenüber entschlossen hatte, die Garagenwand mit seinem Gehirn zu verzieren, waren alle Menschen hier in Schockstarre verfallen. Aber irgendwie, und wenn es auch nur ein Gedanke ist, hat jeder es irgendwie vermutet, dass so etwas passieren wird. Was mich betrifft: Ich war damals noch so jung, dass mich der Tod überhaupt nicht berührte. Der Tod war etwas, wie soll ich es beschreiben, etwas nicht greifbares. Ich hatte davon gehört, dass Menschen sterben, mehr aber auch nicht. Einige Jahre später, ich war mittlerweile fünfundzwanzig oder so, hieß es, mein Großvater hat Krebs. Er war lange im Krankenhaus und als er wieder als geheilt entlassen wurde, erkrankte meine Großmutter ebenfalls an Krebs. Dieser Krebs war so bösartig, dass sie innerhalb von drei Monaten verstarb. Dieser Verlust seiner Frau, warf meinen Großvater derartig aus der Bahn, dass er die letzten Monate seines Lebens in einem Hospiz verbrachte und dann, vermutlich eingehüllt in Morphium, ebenfalls verstarb. Das ist jetzt schon eine ganze Weile her, ich war damals sechsundzwanzig. Heute, ich bin mittlerweile dreiundsiebzig, denke ich immer noch an diesen Vorfall und ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und meinen Großvater noch einmal im Hospiz besuchen. Und ich denke an noch etwas. Und das ist mein alter Freund Morris.

Morris war fast in meinem Alter und wir lernten uns in der Schule kennen, das muss so in der sechsten Klasse gewesen sein. Damals gab es noch die Volkschulen und jedes Dorf hatte seine eigene Schule. Wenn man nicht unbedingt studieren wollte, was die Wenigsten taten, blieb man auf der Volkschule bis man sechszehn war. Lernte danach einen Beruf oder arbeitete in der Firma der Eltern oder auf dem Bauernhof der Großeltern. Morris und ich verstanden uns von Anfang an prächtig. Morris war immer ein wenig verrückt, ich war es nicht, hatte aber einen Hang zum Verrückten und fühlte mich zu Blödsinn immer hingezogen. Zum Beispiel hatte Morris vorgeschlagen, heimlich im Ort hinter der Sporthalle zu rauchen. Ich war dabei. Morris hatte eine Flasche Wein von seinen Eltern (streng gläubige Christen) geklaut, ich war derjenige, der sie mit ihm leerte. Schnell wurden wir beste Freunde. Später hatte Morris einen Joint mitgebracht, ich war derjenige, der den Stoff mit ihm genoss. Es folgten spätere viele Joints. Drogen sollten ein Teil unseres Geheimnisses sein, welches Morris und ich über viele Jahre teilten. Nach der Schule trennten sich unsere Wege. Während ich eine Ausbildung machte, ging Morris zur Bundeswehr. Wir sahen uns dann nur am Wochenende, aber wenn wir uns sahen, erzählte er neueste Anekdoten aus seiner Einheit. Wir lachten jedes Mal und ein paar Mal kamen Angehörige der Armee auch zu ihm nach Hause. Wir tranken und kifften zusammen und fuhren gemeinsam in die nächstgelegene Disko. Kurzum, mit Morris war es immer eine schöne Zeit. Jede Stunde habe ich genossen. Wir verstanden uns prächtig, bezeichneten uns manchmal als Brüder. Nur wenige Jahre später, es muss so 1981 gewesen sein, verstarb meine Mutter an Blasenkrebs. Eine besonders heimtückische Art Krebs. Und obwohl die Ärzte ihre befallenen Organe schon herausgenommen hatten und sie die Chemotherapie halbwegs aufrecht über sich ergehen ließ, siegte der Krebs dennoch. Er streute, befiel den Rest ihrer Organe und besiegte sie anschließend. Meine Mutter mochte Morris nie, sie hasste ihn nicht direkt, ließ aber keinen Zweifel an ihrer Abneigung aufkommen. Trotzdem erschien Morris auf ihrer Beerdigung, gab seinen Beileid kund und warf eine Blume in das Grab. Als der Sarg meiner Mutter in die Erde gelassen wurde, spürte ich das erste Mal, dass der Tod etwas ist was auch mich eines Tages ereilen könnte, ja, wird.  Es war zum Beispiel so, dass ich der Predigt des Pastors genau zuhörte. Der Pastor, welcher auf der Beerdigung meiner Mutter sprach, erzählte vor der trauernden Gemeinde, meine Mutter wäre jetzt in den Himmel gekommen. Und würde nun in Beisein Gottes ein schönes Dasein leben. Gott hätte sie also zu sich geholt. Das löste etwas in mir aus. Nicht, dass ich sonderlich gläubig gewesen wäre, aber ich fragte mich tatsächlich, was passieren würde, wenn wir sterben. Ich beschäftigte mich damit und dieses Thema ließ mir jahrelang keine Ruhe. Heute lässt es mir immer noch keine Ruhe. Das Thema mit Gott konnte ich getrost vergessen, das war für mich immer ein anderes Wort für Hoffnung. Ein Relikt aus einer anderen Zeit. Gott war ein lächerliches Symbol und Hölle ein armseliges Wort, um die Menschen am Glauben festhalten zu können. So denke ich heute übrigens auch noch, allerdings hat sich mein Glauben in einigen Dingen grundlegend gewandelt. Ich kam zu dem Schluss, dass, wenn es denn einen Gott gibt, dieser ein Sadist sein musste. „Er sitzt da oben und spielt seine Spielchen“, sagte mein Vater einmal, wo wir zusammen am Tisch zu Abendbrot aßen. Diese Erklärung hielt ich für logisch und halte sie immer noch für plausibel. Das Leben ohne meine Mutter ließ meinen Vater vereinsamen. Er ging nicht mehr aus, meidete die Gesellschaft der Dorfbewohner und versuchte akribisch, die Haushaltstätigkeiten, die ansonsten meine Mutter erledigt hatte, selber auszuführen. Aber so sehr er sich auch bemühte, es war im Prinzip ein Kampf mit der eigenen Vergangenheit und dass wusste er auch. Sechs Jahre später, er war gerade im Garten und stand auf einer Leiter, während er das Laub aus der Dachrinne der Garage entfernte. Es muss so gegen fünfzehn Uhr gewesen sein, als er einen Schlaganfall bekam. Zum Glück, wenn man es so sagen kann, stand er gerade nicht auf der letzten Sprosse, sondern war gerade dabei, die Leiter herunterzugehen, um den Eimer mit dem Laub in die Kompostbox zu entleeren. So fiel er nicht die ganze Leiter herunter, sondern fiel verhältnismäßig gemäßigt auf den Rasen. Sämtliche Verwandte wünschten mir und meinem jüngeren Bruder damals viel Beileid. Ich selber hatte die Trauer schnell überwunden. Meine Eltern hatten gut vorgesorgt, so dass ich finanziell unabhängig wurde und mein Leben in erster Linie der Freizeit widmen konnte. Nicht viele Menschen können das und ich bei meinen Eltern immer dankbar, dass sie selbstlos gewirtschaftet haben, dass es mir heute so geht, wie es mir geht. Sicher, es gibt immer noch Menschen, denen geht es noch besser, aber das Problem wird man wohl immer haben. Und wenn ich eines gelernt haben, dann ist das größte Glück, gesund zu sein. Gesundheit ist wichtiger als Geld, Gott und beides zusammen.

Ich heiratete sehr früh, mit 24. Sie war die beste Frau, die ich je kennengelernt hatte. Ich lernte Marina auf einem Junggesellenabschied bei uns im Ort kennen, wo ein Bekannter uns beide miteinander bekannt machte. Wir brachten viele glückliche Jahre miteinander. Natürlich war Morris unser Trauzeuge und Morris war auch der Patenonkel unseres Sohnes. Was Marina betrifft, so war ich immer von Grund auf ehrlich zu ihr. Ich glaube, ich habe sie noch nicht einmal angelogen und mir auch immer vorgenommen, dieses niemals zu tun. Und ich war einfach glücklich dabei. Unser Leben verging scheinbar wie im Flug. Wir gingen unseren Hobbies nach, feierten und pflegten Freundschaften. Ich werde nie vergessen, wie sie einmal sagte: „Mensch, Schatz, kann uns das gutgehen!“ Da hatte sie recht und jetzt, nachdem sie vor zwei Jahren verstorben ist, glaube ich, dass ich das damals gar nicht zu schätzen wusste. Erst, wenn man älter wird, wird man sich seiner eigenen Vergänglichkeit bewusst. Das Leben wird irgendwie unscheinbar. Wie unscheinbar, da komme ich noch gleich zu. Jedenfalls, als Marina vierundsiebzig war, fühlte sie sich sehr schwach. Einmal meinte sie zu mir, sie lag schon eine ganze Weile im Bett und mochte nicht mehr aufstehen: „Das Leben wird langsam unscheinbar.“ Als ich das hörte, beschlich mich schon ein eigenartiges Gefühl, aber das sie tatsächlich einschlafen würde, ohne aufzuwachen, das hatte ich nicht geglaubt. Und auch nicht, wie recht sie damit hat. Seit den letzten zwei Jahren lebe ich alleine, manchmal vermisse ich Marina, aber ich versuche so gut es geht, mich abzulenken.

In der meisten Zeit meines Lebens waren Morris und ich befreundet. Wir hielten all die Jahre engen Kontakt, mal mehr, mal weniger, wie das bei Jungs so üblich ist. Er heiratete eine Frau aus Russland, nachdem sie während seines Kurzaufenthaltes in Moskau schwanger geworden war. Damals gab es noch den eisernen Vorhang und eine Frau aus Moskau zu heiraten, war gar nicht so einfach. Aber er hatte es dennoch getan. So war Morris halt. Er war in seinem Herzen ein Anarchist und ist es auch insgeheim geblieben. Dafür bewunderte ich ihn. Während ich es schaffte, von den filterlosen Zigaretten auf die leichten umzusteigen und schließlich ganz aufzuhören, rauchte Morris munter weiter. Ob er noch kiffte, kann ich nicht sagen, ich vermute, dass er sich dann und wann eine „Sportzigarette“, wie er seine Joints immer liebevoll nannte, gönnte. Was mich betrifft, ich habe das Zeug ab meinem fünfunddreißigsten Lebensjahr nicht mehr angefasst und vermisse es auch kein Stück.

Einmal im Monat, manchmal auch zweimal, machten Morris und ich einen „Männerabend“. Dieser „Männerabend“ sah so aus, dass wir in die Kneipe gingen, uns betranken und uns toll fühlten. Es war einmal ein Sommerabend, es war im August, kurz nach meinem Geburtstag, wo wir uns abermals in der Stadt trafen, viel zu viel tranken und uns alte Geschichten erzählten, über unsere Frauen witzelten und uns überlegten, wie wir unser Leben verbessern könnten. An diesem Tag gingen wir ziemlich angeschlagen nach Hause. Während ich zuhause auf das Sofa fiel, um Marina nicht zu wecken, ging Morris ins Schlafzimmer. Seine Frau war zu diesem Zeitpunkt in Moskau, Verwandte besuchen, so konnte er sich ins Bett legen und noch eine Zigarette rauchen. Wäre er dabei nicht eingeschlafen, hätte er sicherlich die Zigarette im Aschenbecher ausgedrückt. Wären wir nicht so betrunken gewesen, hätte er sie vermutlich nicht mit ins Bett genommen, aber wer weiß das schon. Jedenfalls schlief er ein und ließ die Zigarette aus der Hand fallen. Damals hatten die Glimmstengel noch kein Papier, welches automatisch die Zigaretten ausgehen ließ und so fiel die Kippe auf den Teppich, setzte diesen in Brand und alles was im Haus sich befand, ebenfalls. Der Polizist, mit dem ich später redete, meinte, dass man schon vorher stirbt, bevor man verbrennt, da das Feuer einem die Luft zum Atmen nimmt und man das Verbrennen nicht miterleben muss. Ich hoffe, dass es bei Morris der Fall war. Ich hoffe es wirklich. Seine Frau habe ich nie wiedergesehen, sie wurde von den Behörden über den schrecklichen Unfall unterrichtet, als sie sich noch in Moskau aufhielt. Sie machte sich gar nicht erst die Mühe, zurück zu kommen. Was aus ihr geworden ist, weiß ich nicht und es ist mir auch so egal, wie nur irgendetwas. Das Ganze liegt jetzt vierzig Jahre zurück.

Es war glaube ich, vor einem Jahr. Die Zeit scheint mit dem Älterwerden ebenso durchsichtig zu werden, wie das Leben selbst, als ich beschloss, Urlaub im Süden zu machen. Die Landschaft, das Essen und die Luft tun mir gut und lenken mich von meinen Alltagsgedanken ab. Als ich eine Wanderung durch einen Waldweg beendet hatte (es war ein Kiefernwald, die Luft roch frisch und unverbraucht), ging ich anschließend noch in den örtlichen Supermarkt um Getränke zu kaufen. Zwar saß ich abends gerne an der Hotelbar, aber ich hatte gerne und habe es immer noch, eigene Getränke stets bei mir. Im Supermarkt ging ich dann zum Getränkeregal, am Alkohol vorbei. Ich überlegte, mir ein paar Bier mitzunehmen, verwarf den Gedanken aber. Seit Morris Tod habe ich nichts mehr getrunken und hatte auch nicht vor, während meines Urlaubs damit wieder anzufangen. Ich kaufte schließlich zwei Wasserflaschen und ging zur Kasse. Als ich an der Kasse stand und auf die Bedienung wartete, schaute ich zur Eingangstür auf den Parkplatz hinaus. Da die Tür aus Glas war, konnte man den kompletten Parkbereich von drinnen aus beobachten. Dort, ungefähr zwanzig Schritte von der Tür entfernt, mitten auf dem Parkplatz, stand Morris. Ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, einer Halluzination oder Verwechslung zu erliegen, es war Morris. Es war Morris, wie zu dem Zeitpunkt, bevor er diesen schrecklichen Unfall hatte. Er stand dort, zerzaustes blondes Haar, welches langsam grau wurde und rauchte. Und er sah mich an. „Wollen Sie nicht bezahlen?“ fragte die Kassiererin. Ich erschrak, sammelte mein Geld zusammen und übergab ihr die Münzen. „Passt“, sagte ich knapp und eilte hinaus.  Morris war verschwunden, wenn er denn jemals dagewesen war. Aber mein Gott, ich schwöre, er war es. An diesem Abend fand ich keine Ruhe. Ich saß vor dem Hotel auf einer Bank, trank mein Wasser und dachte über das Erlebte nach. „Es gibt nur zwei Möglichkeiten“, dachte ich bei mir. Entweder wirst Du auf Deine alten Tage senil oder es wird mal wieder Zeit für ein schönes großes Bier, vielleicht auch zwei.“ Ich lächelte über den Gedanken und war mit der Antwort auch zufrieden, so dass ich später doch noch einschlafen konnte. Bier habe ich keines getrunken.

Ich sollte Morris noch mehrmals begegnen. Als ich meine Cousine besuchte, sie wohnte praktisch nur ein Ort weiter, sah ich Morris an einer Kreuzung stehen, wo er wartete, die Ampel zu überqueren. Auf seinem Weg über die Straße, ich stand mit meinem Wagen praktisch an zweiter Stelle an der Ampel, drehte er den Kopf leicht zur Seite und schaute zu mir herüber. Auf der anderen Seite der Straße blieb er stehen und holte eine Schachtel Zigaretten aus seiner Jacke. Und zwar genau die Sorte, die er zu Lebzeiten geraucht hatte. Und da bestand für mich kein Zweifel mehr, dass es Morris war, dem ich begegnet bin. Aber warum? Was hatte Morris, den es ja eigentlich gar nicht geben dürfte, zuerst an meinem Urlaubsort zu suchen und jetzt in dem Ort, an dem ich meine Cousine besuchen wollte? Was hatte er hier verloren? Ein paar Wochen später, es war an einem sonnigen Herbsttag, ich ging zu Fuß durch den Ort und dachte an Marina. Und natürlich dachte ich an Morris. Als ich durch den Park ging und meinen trüben Gedanken nachhing, saß Morris auf einer Parkbank. Er schien mich nicht zu bemerken. Er las ein Buch und rauchte, wie meistens zu Lebzeiten, eine Zigarette. Zögernd ging ich zur Parkbank auf dem Morris saß. Er schaute hoch und sah mich an. „Hallo Morris“, sagte ich und versuchte mich in einem beiläufigen Plauderton. „Hallo“, sagte er, fast desinteressiert und schaute wieder in sein Buch. Das Buch trug den Titel „The Twilight Zone“, von Henry Slesar. Genau das Buch, welches er immer geliebt hat, welches ihn so fasziniert hat, dachte ich bei mir. Ist das ein Zufall? Kann es ein Zufall sein, dass mein alter toter Freund hier vor mir sitzt und ein Buch mit Geistergeschichten liest? „Das Buch solltest Du doch langsam auswendig kennen“, fügte ich im Plauderton hinzu. Morris nahm das Buch zur Seite und schaute mich seltsam an. „Hast Du nichts Besseres zu tun, als Dich nach meiner Lieblingslektüre zu erkundigen“, fragte er ernsthaft. Und da begriff ich plötzlich alles. Plötzlich wurde mir schlagartig bewusst, was Morris hier wollte. Er wollte nicht mit mir reden und er wollte auch keine Gesellschaft. Er wollte mich abholen. Es hat ein Jahr gedauert, bis Morris aus dem fernen Süden bis in unser Ort kam. Aber er ist gekommen und eines Tages würde er vor meiner Haustür stehen. Ich drehte mich auf der Stelle um, verließ den Park und ging nach Hause.

Ich rief Marinas und meinen gemeinsamen Sohn an. Wir hatten nie viel Zeit füreinander, ehrlich gesagt, ich habe ihn nie wirklich verstanden und er mich vermutlich ebenso wenig. Ich lud ihn und seine Familie zum Essen ein. Die Stimmung beim Essen war respektvoll und höflich, viel mehr war auch nicht zu erwarten, aber ich war trotzdem froh, sie um mich zu haben. Mein Sohn und ich werden nie ein freundschaftliches Verhältnis bekommen und mittlerweile ist es mir egal. „Alles im Leben wird unscheinbar“, sagte Marina damals und es stimmte wirklich. Ich lud meine Familie noch einmal zum Essen ein, nicht weil es mir großartig was bedeutet hätte, sondern weil ich das Gefühl hatte, es einfach tun zu müssen, so wie man einfach noch einmal einen Film sehen will oder ein gutes Buch noch einmal liest. Diesmal sagte er den Termin ab, da es terminlich nicht passte. Ich nahm es ihm nicht übel. Und ich habe angefangen zu schreiben. Ich wollte immer ein Buch schreiben, schon mein ganzes Leben. Zumindest eine Kurzgeschichte. Ein paar Zeilen habe ich schon zu Papier gebracht und ich werde mich bemühen, zumindest ein ganzes Kapitel zu schreiben. Zu meiner Cousine pflege ich einen sehr engen Kontakt. Wir besuchen uns, so oft es geht und telefonieren auch mindestens einmal die Woche. Wenn ich heute einen Spaziergang durch den Wald mache, kommt mir die Luft frisch und schön vor. Ich beobachte jeden Vogel, ich nehme jedes Geräusch, jedes Blätterrascheln und jeden Windhauch war. Ich stehe manchmal am Fluss, hinter dem Deich und atme den Wind ein. Ich genieße es. Ich konnte letztens die Sterne sehen, als der Nachthimmel klar war. Sogar eine Sternschnuppe habe ich gesehen. Ich habe das intensive, nicht zu unterdrückende Gefühl purer Lebensenergie in mir gefunden. Ich grüße die Menschen, wenn diese mir beim Einkaufen begegnen und freue mich, wenn diese mich ebenfalls grüßen. Vor ein paar Tagen habe ich die Kinder des ehemaligen Nachbarn, der sich in seiner Garage das Leben nahm, getroffen. Wir freuten uns, uns wiederzusehen und tranken eine Tasse Kaffee miteinander.

Morris sehe ich auch noch. Gestern, ich fuhr mit dem Wagen gerade weg, sah ich, wie er zu Fuß unsere Straße herunterging und mir entgegenkam. Er grinste mich frech, aber freundlich an. Ich beachtete ihn nicht weiter und fuhr davon. Wenn Morris kommt, werden wir genug Zeit haben, zu grinsen und über gemeinsame vergangene Zeiten zu reden. Vielleicht werden wir wieder was trinken, ja ich hoffe, wir werden viel zu viel trinken. „Mensch Junge, was haben wir gelacht“.  Auf dem Weg nach Hause habe ich mir eine Schachtel Zigaretten aus dem Tankstellenshop gekauft. Ich rauche jetzt vierzig Jahre nicht mehr, zündete mir aber auf dem restlichen Weg nach Hause eine an. Sie schmeckte fürchterlich und mir wurde schwindelig. Ich werde Morris davon eine anbieten.

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