Deine Uhr


Romowe, 2013 gestartet als kleiner Autorenverlag, ist heute Verlag, Versand, Vertrieb. Neben eigenen Veröffentlichungen unterschiedlichster Autoren und Genres bieten wir Dir auf diesen Seiten die perfekte Ergänzung zum Alltag. Denn wir sind der Meinung, Lesen und Leben gehören zusammen.


Romowe - Kategorien

Lesen - Bücher/Magazine :
Romowe - Verlag | Kaiserfront | Kalender |

Leben :
Schmuck | Shirts | Uhren

Kim Falkenberg – Schwarzer Wind

Eine neue Kurzgeschichte vom Lüneburger Romoweautor Kim Falkenberg – gratis und bestimmt nicht umsonst:

Es passiert ungefähr alle hundert Jahre. Dann wird hier bei uns an der Nordseeküste der Wind stärker, geht in einen Sturm über und nimmt derartig an Schärfe an, dass man gut beraten ist, sich einzuschließen, das Haus nicht zu verlassen und den Holzofen anzufeuern. Natürlich, und das ist das Wichtigste, sollte man auch genug Vorräte an Nahrung, Wasser und vor allem an Brennmaterial im Haus haben. Das Gefährliche an diesem Wind ist nicht, dass er so windig ist, sondern dass er so kalt ist. Er nimmt Temperaturen bis zu minus vierzig Grad an. Durch die Schärfe und die Heftigkeit des Windes, man kann es schon, ohne zu übertreiben, als einen Sturm bezeichnen, wird dieser Wind in freier Natur zu einer tödlichen Falle. Nun kommt dieser Wind immer im November, wenn es anfängt, draußen schon kalt zu werden, aber dieser Wind ist derartig kalt, dass man sehr schnell erfrieren würde, wäre man ihm in freier Natur ausgesetzt. Selbst mit gefütterten Winterjacken und dicker Kopfbedeckung ist so mancher schon ums Leben gekommen. Daher der Name Schwarzer Wind, weil er den Tod bringt. Der letzte Sturm dieser Art war im Jahre achtzehnhundertvierundsiebzig und damals kamen nicht mehr ganz so viele Menschen ums Leben, wie in den Stürmen davor, aber ich weiß noch aus Erzählungen, dass mindestens drei Einwohner bei uns starben, darunter ein Obdachloser. Es war ganz furchtbar. Eine schwangere Frau, sie war um die neunzehn Jahre alt, sammelte gerade Holz für den Ofen, als der schwarze Wind sie überraschte. Dieser schwarze Wind ist also nicht nur tödlich, er ist auch heimtückisch. Er kommt mit einer derartigen Geschwindigkeit und mit einer überraschenden Wucht auf Land und Leute zu, dass den Betroffenen kaum noch Zeit bleibt, ein rettendes Haus zu erreichen. Es ist auch schon vorgekommen, dass Menschen an fremde Haustüren geklopft haben, die Bewohner aber derartig verängstigt waren, dass sie Tür nicht geöffnet haben. So erfroren so manche Menschen vor der Haustür derjenigen, bei denen sie Unterschlupf zu suchen geglaubt haben. Die Meteorologen, Wetterforscher und selbst internationale Raumforscher konnten dieses Wetterphänomen nicht erklären und sie können es heute immer noch nicht. Man weiß zum Beispiel nicht, wie dieser Wind so plötzlich entsteht. Da er mit einer ungeheuren Geschwindigkeit, sowie Unvorhersehbarkeit auf die Erde trifft, ist es den Menschen hierzulande bis heute ein Rätsel. Auch, dass der Wind mit so einer ungeheuren Schärfe über das Land tobt und Bäume dabei regelrecht abschneidet, können die Wissenschaftler nicht erklären. Hier an der Küste wurden im Jahr 1923 ganze Wälder regelrecht gefällt. Die Bäume wurden einfach abgeschnitten. Es blieb bisher und es bleibt also ein Naturphänomen. Es gibt natürlich vage Vermutungen, Erklärungsversuche, die aufgestellt werden, die versuchen, den Schwarzen Wind in eine Formel zu packen. Einige Experten behaupten, es läge an der Erdumdrehung, einige meinten, die Weltmeere würden sich erwärmen, andere vermuteten Atomtests, die heimlich am Nordpol durchgeführt werden. Experten, wenn ich das Wort schon höre, sträuben sich mir die Nackenhaare.  Was mich angeht, ich bin definitiv kein Experte, worauf ich großen Wert lege, ich war schon immer fasziniert vom schwarzen Wind, las regelmäßig sämtliche wissenschaftlichen Ausarbeitungen hierüber, sah mir die Talkshows darüber an und unterhielt mich angeregt mit Bekannten über dieses Thema. Im Grunde wussten wir alles über diesen schwarzen Wind, aber erklären konnten wir dieses Phänomen nicht. Trotzdem wussten wir mehr als sämtliche Experten auf der Welt.

Irgendwann einmal, das Jahrtausend ging gerade auf sein Ende zu, da lud mich mein alter Freund Georg ein. Georg war ein hochdekorierter Wissenschaftler an einer Universität in Rotterdam, er schrieb mir, er wolle einen Vortrag über den besagten tödlichen schwarzen Wind halten, über welchen er Nachforschungen angestellt hatte. Ich hatte mich damals sehr gefreut, schrieb ihm dankbar zurück, dass ich seiner Einladung gerne folgen würde. Ich freute mich auch tatsächlich, ich hatte lange nichts mehr von Georg gehört und ich war gespannt, was er Neues zu erzählen wusste. Ich selber glaubte und glaube nichts von all dem, was über den Wind berichtet wird. Er ist einfach da. Weder Außerirdische, Klimakatastrophen, noch sonstige, noch so absurde Theorien machen den schwarzen Wind greifbar. Er war ein Bestandteil der Natur und die Natur musste irgendwo hin mit ihrer Laune. Auch wenn die damaligen Sechziger toll waren, die ganze tolle Musik, die netten Mädchen und all das LSD, (welches ich in jungen Jahren sehr genossen habe),  die Revoluzzer konnten den schwarzen Wind damals auch nicht aufhalten. Punkt. Trotzdem war ich neugierig, was mir mein alter Freund Georg zu berichten wusste.

Meine Frau war nicht sonderlich begeistert von der Idee, nach Rotterdam zu fliegen. Immerhin hatte sie einen gut bezahlten Posten im Ministerium für äußere Angelegenheiten bekommen und war noch in der Probezeit. „Was soll das denn? Dieser schwarze Wind, gibt es so etwas überhaupt? Ich glaube, die Leute haben sich früher etwas eingebildet.“ Das war sie, meine Mary, immer kritisch hinterfragend, immer sensibel auf meine Anlässe reagieren und wenn möglich, es mit einem vernichtenden Urteil außer Kraft setzen. Das ich hinfliegen würde, stand außer Frage. Alleine Georg wieder zu sehen, war die Reise wert, nur sie konnte leider nicht mit. „Dann flieg schon“, sagte sie am letzten Tag vor der Abreise. „Und grüß Georg von mir“.

Als ich im Flugzeug saß, die Augen schloss und den Start genoss, überkam mich wieder dieses schlechte Gewissen. Ich amüsierte mich in Rotterdam, ging meinen Hobbies nach und meine Frau musste arbeiten. Es war diese Art von schlechtem Gewissen, wie man es nur von einer Frau eingetrichtert bekam. Still, nicht ätzend, aber nachhaltig. Wie ein Stachel, der sich in den Hinterkopf gebohrt hat und einen permanent nervt. Wie eine Zecke, die man sich eingefangen hatte, die man zwar entfernt hat, deren Stachel aber immer noch im Fleisch sitzt und deren Gift einen langsam von innen krank macht. Ich hatte ihr versprochen, sie jeden Abend anzurufen, ja ich würde sie, sofern möglich, sofort aus dem Hotel heraus anrufen. Ich würde sie sogar von der Uni aus heraus anrufen, wenn ich unterwegs war und sobald sich jede Möglichkeit dazu bot. Auf der anderen Seite: War es nicht in Ordnung, dass meine Mary sich nach all den Jahren, in denen wir zusammen waren, immer noch sorgte? Dass sie immer noch Eifersucht vorspielte, obwohl sie mich mittlerweile kannte? Im Grunde, und dieser Gedanke ließ mich beruhigen, konnte ich mich doch als glücklicher Mann bezeichnen. Bei diesen Gedanken beruhigte ich mich und muss in einen leichten Schlaf gefallen sein, aus dem ich erst erwachte, als das Flugzeug landete.

In Rotterdam angekommen, versuchte ich mich zu orientieren und vergaß für eine kurze Zeit mein Versprechen, Mary sofort nach der Landung anzurufen. Nach und nach fand ich mich sehr schnell zurecht und obwohl ich noch nie in dieser Stadt zuvor gewesen war, war mir so, als würde ich mich bestens auskennen. Georg hatte mir ein Hotelzimmer reserviert, ich kramte aus meinem Mantel ein zerknülltes Stück Papier hervor, auf dem ich die Adresse des Hotels notierte und hielt nach einem Taxi Ausschau. Es hielt gleich das erste Fahrzeug, welches ich zuwinkte und ich wies dem Fahrer in meinem besten Englisch an, zu der besagten Adresse zu fahren. Ich bekomme viele Sachen mittlerweile durcheinander, aber mein Englisch ist so perfekt wie eh und je. Ich bin jetzt vierundsiebzig und fange an, Sachen zu vergessen, manchmal vergesse ich Namen, oder Begriffe, die ich vorher noch wusste. Englisch allerdings, das habe ich nicht vergessen, nicht eine Silbe. Der Rest war halt dem Alter geschuldet. Das Schlimme am Älterwerden ist ja nicht das Altwerden an sich, sondern die Gemeinheit, dass die Spannkraft des Gehirns nachlässt. Ich kenne Menschen, die verlieren mit den Jahren ihre Spannkraft und ihr wahrer Charakter kommt zum Vorschein. Ich schwöre, so wahr ich hier im Taxi in Rotterdam sitze, alle Menschen, von denen ich behaupten würde, sie seien bösartig, sind alte Menschen. Diese Menschen haben weder viel Alkohol getrunken, noch haben sie irgendwelche Drogen genommen, es ist einfach der Lauf der Natur. Ich selber versuche, nicht bösartig zu werden und ich hoffe es gelingt mir. Aber noch schlimmer als das bösartig werden, war, vergesslich zu werden. Als ich so meinen Gedanken nachhing, schaute ich aus dem Fenster und bemerkte, wie hässlich diese Stadt war. Sie war nicht nur einfach alt und abgewirtschaftet, wie so manche Gegenden, die es in jeder Stadt gibt, nein, diese ganze Stadt war hässlich. Während der Fahrt unterhielt ich mich mit dem Taxifahrer. Er war vermutlich, seinem Äußeren nach, ein Inder, vielleicht auch ein Pakistani, er sprach allerdings fließend Englisch, weßhalb ich mich gut mit ihm verständigen konnte. Wie ich erfuhr, kam er tatsächlich aus Pakistan und lebte nun mittlerweile seit acht Jahren in Rotterdam, was allerdings auch schon acht Jahre zu viel waren, wie er befand. Die Stadt sei derartig hässlich das man tagsüber gar nicht rausgehen mag, die Löhne seien in den Keller gerutscht, seit Rotterdam immer größer wurde und die Konkurrenz im Niedriglohnsektor steigt. Außerdem seien die Leute unfreundlich, seine Frau wurde schon des Öfteren von jugendlichen drangsaliert und sein Vater sei bei einem Besuch von Anhängern der NVU angegriffen und erstochen wurden. Dass fand er besonders verwerflich, da sein Vater nur auf einen kurzen Besuch in den Niederlanden gewesen sei, um seinen Sohn zu besuchen. Die Polizei, er spie das Wort förmlich aus, hat natürlich nichts gemacht. Irgendjemand sei zwar verhaftet worden, aber wem hilft das noch? „Meinem Vater?“ fragte er wütend? „Wohl kaum! Macht meinen Vater das irgendwie wieder lebendig?“ Ich wusste nicht viel darauf zu antworten und schwieg dazu lieber. „Sobald ich genug Geld angespart habe, bin ich hier weg“, giftete er weiter. „Diese Stadt“, fauchte er, „sie ist nicht nur hässlich, sie ist gefährlich, sie ist bösartig, wie eine böse, alte, verkommene Hexe. Noch ein paar Jahre, dann bin ich hier weg!“ Ich hörte mir seine Schimpftiraden an, sagte nichts, stimmte ihm aber innerlich zu. Dass er es hier überhaupt acht Jahre ausgehalten hat, war schon bewundernswert. Das Taxi fuhr langsamer und bog in eine Einfahrt ein, in der das Hotel lag. Auch das Hotel war, zumindest von außen, in einem schäbigen Zustand. Ein grauer, vierkantiger Betonklotz ragte sich vor mir auf. An vielen Stellen war der Putz mittlerweile abgefallen und an den Wänden waren große Schwarze Flecke zu sehen, wie man sie auf alten Gebäuden erkennt, welche der Witterung ausgesetzt waren. Eine alte Haustür, aus Holz, schien der Eingang zu sein, über dem das Schild „Port-Hotel“ in einer matten Leuchtreklame flackerte. „Na herzlichen Glückwunsch“, dachte ich bei mir, während das Taxi anhielt. Der Fahrer schickte sich an, mir den Koffer ins Hotel zu tragen, was ich ablehnte und ihm etwas Kleingeld in die Hand drückte. Er bedankte sich in fließendem Englisch, spurtete zurück in sein Taxi und fuhr rückwärts aus der Hofeinfahrt heraus.

Ich beschloss, etwas durchzuatmen und innezuhalten. Ich muss jetzt meine Mary anrufen, dachte ich bei mir, entschied mich aber, dies im Hotel zu tun. Ich schritt mit dem Koffer in der Hand durch die alte Holztür und stand nach kurzer Zeit auch schon vor dem Empfangstresen. Da niemand anwesend war, betätigte ich die kleine Glocke, welche in greifbarer Nähe auf dem Tresen stand. Sofort kam ein junges Mädchen mit schnellen Schritten zum Tresen und wand sich durch die Schwingtür hindurch zu ihrem Arbeitsplatz. Mit großen, schwarzen Augen sah sie mich an und fragte mich irgendetwas in holländisch. Ich lächelte zurück und deutete auf Englisch an, dass ich aus Norwegen käme und sie mich bitte in Englisch anreden solle. Sie lachte und wechselte wie auf Knopfdruck die Sprache. Ich reichte ihr meinen Ausweis und sie buchstabierte meinen Namen, während sie die Daten in ein großes, ledernes Buch eintrug. „Mister Erik Olsson“, murmelte sie. „Es ist alles bereits reserviert und bezahlt. Sie bleiben bis zum Ende der Woche“, sagte sie mir lächelnd. Ich musterte sie. Sie war hübsch, noch sehr jung, Anfang zwanzig vermutlich. Die langen brünetten Haare hatte sie mit einem rötlichen Stich gefärbt und umrahmten ihr hübsches, ja fast liebliches Gesicht. Sie hatte hellblaue Augen, mit denen sie mich frohlockend, aber dennoch aufmerksam musterte. „Essen Sie hier im Hotel?“ fragte sie mich, während sie mir den Zimmerschlüssel überreichte. „Vielen Dank, später vielleicht“, gab ich kurz und knapp zurück. Zu so einem Mädchen konnte man sich schnell hingezogen fühlen, sobald man auch nur etwas länger in ihrer Nähe blieb, wie nötig. Ich wusste das aus Erfahrung, nahm also den Schlüssel entgegen, steckte ihn mir in die Manteltasche und ging schleunigen Schrittes zum Fahrstuhl. Als ich im dritten stock angekommen war, ging ich zur Zimmernummer, welche auf den Schlüssel eingraviert war. Der alte Holzfußboden knarrte unter meinen Schritten und ich roch den alten Teppich unter mir, ich roch das Holzgebälk, welches sich durch das Gemäuer zog, wie ein Jahrhunderte altes, längst vergessenes Skelett, welches jedes Mal zu stöhnen schien, wenn sich nur irgendjemand daran erinnerte, dass es da war. Sogar die Tapete strömte diesen alten, strengen Geruch aus, welchen man nur in Hotels vorfand, in denen nur selten jemand zu Gast kam. Gab es in Rotterdam keine Hotels, die mehr dem Zeitgeist entsprachen? Warum verfrachtete Georg in ein Hotel, welches den Anschein machte, kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen? Mir kamen plötzlich die alten, verwahrlosten Häuser in den Sinn, die ich während der Hinfahrt sehen konnte und sah ein, dass es vermutlich noch viel schlimmer ging. Allerdings auch besser, davon war ich überzeugt.  Ich öffnete die Zimmertür, tastete nach dem Lichtschalter und trat ein. Das Zimmer war so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ein kleines Bett, ein Nachttisch und ein Fernseher, dazu ein Kleiderschrank und eine weitere Tür, die vermutlich zum Badezimmer führte. Ich ließ den Koffer auf das Bett fallen und setzte mich ebenfalls darauf. Ich kramte nach dem Handy in meiner Manteltasche und wählte die Nummer unseres Hausanschlusses. Eine Stimme erklang am anderen Ende: „Olsson?“                                                                                                                                „Hallo Mary“, rief ich in das Gerät.                                                                                                                „Erik, da bist Du ja! Wie war Dein Flug?“                                                                                                       „War okay“, erwiderte ich. So unterhielten wir uns eine knappe Viertelstunde, bis und die Worte ausgingen und wir uns für morgen zum telefonieren wieder verabredeten.  Nach fast vierzig Jahren behandelten wir uns gegenseitig immer noch so, als seien wir erst kürzlich verlobt worden und ich genoss es nach all den Jahren noch immer. Ich beschloss, eine Runde spazieren zu gehen, mir die Stadt anzuschauen und irgendwo etwas zu essen.

Als ich das Hotel verließ, war es bereits sehr spät am Nachmittag und ich konnte aufgrund der einsetzenden Dämmerung nur hoffen, dass mich die Dunkelheit nicht vorzeitig überraschte. Ich ging aber trotzdem ein paar Schritte und genoss die frische Abendluft und war froh, das muffige Hotel nicht mehr einatmen zu müssen. Ich ging von der Seitenstraße hinauf zur Hauptstraße und versuchte mich zu erinnern, aus welcher Richtung ich gekommen war. Es war allerdings unmöglich, das im Nachhinein zu rekonstruieren. „Doch, es ist möglich“, dachte ich grimmig. „Es ist nur für Dich alten Sack mittlerweile unmöglich geworden. Du verblödest und merkst es langsam.“ Ich schritt die Seitenstraße herunter und fand mich auch tatsächlich auf der Straße wieder, auf der ich gekommen war. Allerdings war es jetzt fast dunkel und die Stadt mit ihrer hässlichen Fassade wirkte nun nicht mehr abstoßend, nein, sie wirkte fast bedrohlich. Dunkle Betonklötze ragten über mir in den Himmel, aus einigen Fenstern brannte Licht, die meisten waren aber dunkel, als wäre niemand zu Hause. „Als wären sie alle gestorben“. Auch die Straße war mittlerweile in Dunkelheit getaucht und nur vereinzelt brannte an den Fußwegen Laternen, so dass ich mich orientieren konnte. Ich schaute weiter nach vorne, es sah allerdings nicht so aus, als würde ich eine Imbissbude oder irgendetwas, was auf Zivilisation hindeutet, stoßen. Als ich an einer Seitenstraße vorbeiging, hörte ich merkwürdige Geräusche und erschrak. Ich blieb stehen und ein verstörendes Schauspiel bot sich mir. Zwei Männer in Polizeiuniform waren gerade dabei, einen Mann zusammenzuschlagen. Der Mann, offensichtlich schon verletzt, lag regungslos am Boden, während die zwei Polizisten mit Knüppeln auf ihn eindroschen. Was sollte das? Wollten sie ihn umbringen? Einer der Polizisten bemerkte mich und drehte sich zu mir herum, während der andere weiter auf den Mann am Boden einschlug. Er hatte ein junges Gesicht, ich schätzte ihn auf Mitte zwanzig. „Willst Du auch ein paar?“ rief der Polizist mir zu. Er ging noch einen Schritt auf mich zu und lächelte dabei. Verlegen kehrt ich um und lief den Weg, den ich gekommen war, wieder zurück. Die Lust auf eine Stadtbesichtigung war mir gründlich vergangen und außerdem war es jetzt stockdunkel. Ich ging schnellen Schrittes die Straße wieder herunter, als mein Handy klingelte. „Ja bitte“, keuchte ich ins Telefon. „Erik, na endlich“, hörte ich eine vertraute Stimme am anderen Ende. „Georg, endlich meldest Du Dich. Ich bin gerade auf dem Weg ins Hotel zurück, dort könnten wir miteinander telefonieren, dann kann ich mich setzen“. „Nicht nötig“, erwiderte Georg gelassen. „Ich hole Dich morgen früh aus dem Hotel ab, wir werden dort frühstücken und fahren dann zur Uni. Es gibt eine Menge zu erzählen, vielleicht fahren wir auch erstmal in eine Kneipe und trinken auf unser Wiedersehen. Aber erzähl noch schnell, gefällt Dir die Stadt?“ „Ich werde Mary bitten, mit mir hierher zu ziehen“., erwiderte ich, vergaß allerdings, einen ironischen Unterton einfließen zu lassen, so dass Georg anscheinend meinen Worten glaubte. „Das dachte ich mir“, erwiderte er nur knapp. „Dann bis morgen“. „Bis morgen“, antwortete ich ebenso knapp und beendete das Gespräch.

„Möchten Sie im Zimmer essen, oder im Restaurant?“ Die junge Empfangsdame im Hotel musterte mich und reichte mir die Speisekarte. „Für den Anfang wäre ein Bier nicht schlecht, danach such ich mir etwas zu Essen aus“, erwiderte ich und reichte ihr die Karte zurück. „Ich lasse Ihnen eines in Ihr Zimmer kommen“, sagte sie und wandte sich wieder ihrer Schreibarbeit zu, mit der sie gerade beschäftigt war. Oben in meinem Zimmer angekommen, stieg mir wieder der penetrante Geruch nach alten Teppichen und alten schweren Gardinen in die Nase. Ich legte mich auf das Bett, schaltete den Fernseher ein und zappte gelangweilt hin und her, während ich auf mein Bier wartete. Es dauerte nicht lange, da klopfte es auch schon an der Tür. Hastig, besser gesagt, so schnell ich konnte, rekelte ich mich aus dem Bett und schritt zur Tür. Das Mädchen vom Empfang stand vor mir, hatte allerdings kein Bier dabei. „Kann ich Ihnen helfen“, fragte ich erstaunt. „Darf ich reinkommen?“ fragte sie nur und betrat auch schon das Zimmer. Wie selbstverständlich ging sie durch den Raum und schmiss sich auf das Bett, auf dem ich vorher gelegen hatte. Und während sie so dalag, knöpfte sie verträumt ihre Bluse auf. „Was soll der Unsinn“, fragte ich und stand ein wenig perplex vor dem Bett. „Du kannst mich nehmen“, meinte sie, immer noch ein wenig verträumt der Blick. Hat sie Drogen genommen? War sie besoffen? „Du kannst mich auch an den Heizkörper ketten“, sagte sie. „Ich habe Kabelbinder unten im Hausmeisterraum. Du bindest mich an und verprügelst mich“. Ich starrte sie nur ungläubig an. „Los, verschwinde“, meinte ich zu ihr. Ich fasste sie am Arm und sie ließ sich wortlos vom Bett hochführen, worauf ich sie Richtung Tür drängte. „Was ist denn los mit Dir?“ ich versuchte es noch einmal. Betrunken schien sie nicht zu sein und Drogen waren anscheinend auch nicht im Spiel, wobei ich das nicht mit Sicherheit sagen konnte. „Plötzlich fing sie an zu schluchzen, schüttelte sich und weinte. Dabei sagte sie etwas in holländischer Sprache, was ich nicht verstand. Sie schniefte und blubberte, wobei sie ständig redete. Ich schob sie zur Tür. Sie schritt heraus und blieb mitten auf dem Flur stehen. Und plötzlich, als ginge ein Ruck durch ihren Körper, drehte sie sich um und lächelte wieder. „Ich hab Ihr Bier vergessen, tut mir leid, ich hole es sofort.“ „Nicht nötig“, sagte ich. Ich komme runter und trinke es dort“. Ich schloss die Tür und begab mich wieder zu dem Bett, wo vor kurzem noch das Mädchen gelegen hatte. Ich ging zum Fenster und starrte hinaus. Ich sah…nichts. Draußen war es derartig dunkel, man konnte nicht einmal die Lichter der Nachbarhäuser erkennen, geschweige denn, überhaupt irgendwelche Lichter. Es war totale Finsternis. Als hätte die Welt außerhalb des Hotels aufgehört, zu existieren. Ich suchte nach Zigaretten in meiner Jackentasche, fand schließlich eine halb zerknüllte Packung und steckte mir eine in den Mund. Ich öffnete das Fenster, damit der Rauch abziehen konnte und steckte mir die Zigarette mit den Streichhölzern an, die ich in der Hotellounge mitgenommen hatte. „Scheiss doch drauf“, dachte ich grimmig und starrte weiter aus dem geöffneten Fenster hinaus in die Dunkelheit.

Irgendwann bin ich eingeschlafen. Ich träumte schlecht und wachte mehrmals nachts schweißgebadet auf. In meinem Traum ging ich durch die gleichen leeren Gassen, wie am Tag zuvor und schwarze, heruntergekommene Häuserblocks wölbten sich bedrohlich über mir, als wollten sie auf mich herabstürzen. Auch an der Seitengasse kam ich wieder vorbei und bemerkte zwei Leute in Polizeiuniform, die auf einen, am Boden liegenden Mann einschlugen. Als ich stehenblieb, drehte sich ein Polizist zu mir um. Seine Augen bestanden nur aus schwarzen Löchern und sein Gesicht war nur eine verwesende Maske aus Fleisch. „Mein Gott“, dachte ich in meinem Traum. „Er ist tot. Da steht ein Toter.“ „Willst Du auch ein paar?“ fragte mich das Ding.  Das war das erste Mal, wo ich aufwachte. Es dauerte tatsächlich eine Weile, bis ich mich zurechtfand, wühlte eine ganze Weile im Bett hin und her und schlief dann wieder ein. Im zweiten Traum fand ich das Empfangsmädchen von der Rezeption mit Kabelbindern im Badezimmer vor. „Na los, tu mir weh“, fauchte sie. Im Traum begann ich damit, auf sie einzuschlagen. Ich schlug auf sie ein, bis ihr Gesicht unter einer roten Maske aus Blut verschwunden war. Irgendwann, als ich glaubte, sie umgebracht zu haben, ging ich zurück ins Zimmer und fand meine Frau Mary inmitten des Zimmers stehend, vor. Sie stand vor dem Bett und musterte mich mit finsterer Miene. „Du und Dein Rotterdam“, sagte sie vorwurfsvoll. „Ich hab Dir gleich gesagt, das sei keine gute Idee, herzufahren. Musst Du denn immer alles tun, was andere von dir verlangen? Kannst Du nicht einmal auf mich hören und mit mir gemeinsam das Wochenende verbringen? Aber ich bin Dir anscheinend nicht wichtig genug.“ Bevor ich etwas erwidern konnte, klingelte das Zimmertelefon. „Siehst Du“, sagte Mary traurig, „anstatt mir zu antworten, ist Dir mal wieder alles andere wichtiger.“  In dem Moment wachte ich auf und das Telefon klingelte tatsächlich. Verstört griff ich nach dem Hörer. „Hallo“, krächzte ich mit trockener Kehle. „Aufwachen, du Schlafmütze“, rief eine fröhliche, vertraute Stimme am anderen Ende. Jetzt war ich hellwach. „Georg, grüß Dich. Ich habe komplett verschlafen, bin gleich soweit.“ „Alles klar“, erwiderte Georg. „Ich sitze unten im Hotel und bestell uns schon mal ein Frühstück. Es gibt viel zu erzählen!“ Ich sprang aus dem Bett, als wäre ich dreißig Jahre jünger, sprang unter die Dusche und zog mich an.

Unten im Hotel saß Georg vor einem bereit gedeckten Tisch. Das Mädchen vom Vortag schenkte gerade Kaffee ein. Als Georg mich sah, stand er auf und wir umarmten uns. Als ich mich setzte und zur Kaffeetasse griff, fing er an. Wie war der Flug? Wie geht es Mary und so weiter. Irgendwann schenkte das Mädchen neuen Kaffee ein und lächelte uns beiden zu. „Wenn Rotterdam auch so nicht viel zu bieten hat,“ meinte er beiläufig, „hübsche Mädchen haben sie ja hier.“ Ich grinste. „Ja, allerdings auch komplett gestörte“. Er setzte eine ernste Mine auf. „Es ist wirklich eine Tragödie. Das Mädchen hier aus dem Hotel, sie heißt Marina, ist gebürtige Russin und als kleines Mädchen nach Rotterdam gekommen. Ihre ersten Eltern haben sie an einen Pädophilenring verkauft. Ich weiß noch, da muss sie ungefähr sechs Jahre alt gewesen sein. Die Zeitungen waren voll davon. Danach blieb sie bei Pflegeeltern, wobei der Pflegevater ebenso ein kranker Sadist war, der sie über Jahre hinweg missbraucht hat. Das Schwein ist mittlerweile an Lungenkrebs krepiert, allerdings hat Marina einen Schaden davongetragen. Sie ist schizophren, muss starke Medikamente nehmen, damit sie den Alltag überhaupt bewältigt bekommt.“ „Was für eine Sauerei“, erwiderte ich trocken. Mir steckte ein Kloß im Hals und der Kaffee schmeckte mir plötzlich überhaupt nicht mehr. Georg bot mir eine Zigarette an und ich nahm sie dankbar entgegen. Das Frühstück war mir vergangen und wir saßen schweigend da und tranken den Kaffee. „Was hat das mit dem Wind auf sich“, fragte ich ihn irgendwann. Du hast Nachforschungen angestellt?“

„Vor zwei Jahren“, begann Georg, „war ich mit meinem Forschungsteam in der Antarktis. Wir waren ungefähr eine Woche dort. Du musst Dir vorstellen, was das für ein Aufwand ist. Instrumente, Nahrung, Getränke, Elektrizität und auch Unterkünfte, alles muss dorthin transportiert werden. Ich musste sämtliche Beziehungen zur UNO spielen lassen, um überhaupt dort hinfahren zu dürfen. Das nächste war, das der Mount Erebus zur Zeit wieder aktiv ist und genau dort lag unser Forschungsfeld. Wir haben uns diesbezüglich auf alle Wetterexperten der Welt verlassen, haben Unmengen an Wetterdaten ausgewertet und jahrelang in alten Archiven und Überlieferungen geforscht, die nur ansatzweise etwas mit dem Thema zu tun hatten. Die ganze Vorbereitungszeit hat ungefähr acht Jahre gedauert. Draußen, in der Eiswüste, waren wir alleine mit den Ausgrabungen ungefähr vier Monate beschäftigt, bis wir auf ein Ergebnis gestoßen sind.“ Ich hörte neugierig zu. „Was für ein Ergebnis?“ Georg zog nachdenklich an seiner Zigarette. „Ganz ehrlich“, meinte er, „ich weiß es nicht. Es hat eine runde Form und ist ungefähr so groß wie ein LKW, nur das es flach ist und mit etlichen Leuchtmitteln ausgestattet ist. Georg, ich schwöre Dir, vor uns ist noch niemals jemand in diesem Gebiet gewesen, geschweige denn, hat dort Ausgrabungen gemacht. Laut den UNO-Unterlagen ist das letzte Mal jemand vor dreißig Jahren am Vulkan gewesen und selbst das nur mit einem Hubschrauber, ohne Mannschaft, ohne Ausgrabungsgeräte. Wir waren noch ungefähr 30 km vom Vulkan entfernt, auf dem Festland. Es ist unmöglich, dass dort jemand etwas Derartiges versteckt haben könnte. Schon gar nicht in der Tiefe. Wir haben zweihundert Meter tief gegraben.“ „Aber wie kommst Du darauf, ausgerechnet in dieser Gegend, an diesem Ort eine Ausgrabung zu machen und dann findest Du auch noch etwas, wo niemand weiß, wo es herkommt? Ach Georg, nun komm schon.“ Ich wurde langsam skeptisch und das Gefühl, dass es keine gute Idee war, herzukommen, befiel mich wieder. „Ich schwöre Dir“, erwiderte Georg hastig, zwang sich aber zur Ruhe. „Was ich Dir hier erzähle, ist die reine Wahrheit. Sämtliche geologische Daten, sämtliche Forschungsergebnisse bestätigen, dass dieser Punkt, wo wir gegraben haben, der Zentrum des Sturms sein muss.“ „Vermutlich haben Außerirdische dort eine Wettermaschine gebaut und sie dann vergessen, als es zu kalt wurde“, erwiderte ich sarkastisch.  „Ich will es nicht einmal abstreiten“, meinte Georg, meinen Sarkasmus ignorierend. „Die Zeichen, die Inschriften auf dem Objekt deuten jedenfalls auf eine Hochkultur hin. Ich glaube, es ist eine Art, nun ja, Wettermaschine. Auf jeden fall eine Art Maschine, die das Wetter beeinflusst. Vielleicht ist sie jetzt kaputt, vielleicht funktioniert sie noch und muss neu eingestellt werden, wer weiß das schon. Ich bin kein Techniker und so etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gesehen. Die Lichter daran, naja, sie leuchten, aber es scheint mehr, als würden sie pulsieren. Als würde diese Maschine, auch wenn es verrückt klingt, atmen.“ Er war jetzt sichtlich erregt, das Thema hatte ihn gefesselt und er zündete sich hastig eine neue Zigarette an. Ich versuchte, ihn zu beruhigen. „Ich habe eine Idee“, meinte ich in beruhigendem Tonfall. „Wir gehen heute Nachmittag etwas trinken, dann erzählst Du mir alles der Reihe nach.“ „Nein“, meinte er plötzlich forsch. „Komm mit mir in die Antarktis, komm mit mir zum Mount Erebus und sieh Dir an, was wir gefunden haben. Ich bitte Dich. Wir fahren jetzt gleich zu mir nach Hause und ich zeige Dir meine Unterlagen und sämtliche Fotos, dann kannst Du entscheiden.“  Mir war unwohl zumute. Das ganze Thema war mir nicht geheuer und war mir auch ehrlich gesagt zu abstrakt. Ein zusammenbrechendes Ökosystem war mir allemal lieber, als eine außerirdische Wettermaschine inmitten der Eiswüste. „Also gut“, meinte ich. „Warte hier und bestell Dir noch einen Kaffee, während ich mich fertigmache und meine Sachen hole. „Georg griff nach meinem Handgelenk. „Danke“, sagte er, mittlerweile in beruhigendem Tonfall. „Ich danke Dir!“ Ich schaute ihn freundlich an. „Wozu bin ich sonst hergekommen?“ fragte ich ihn leicht amüsiert. „Jetzt sag doch nicht, dass Du einen langweiligen Vortrag an der Uni hören wolltest“, entgegnete er, jetzt ebenfalls amüsiert. Ich winkte das Hotelmädchen zu uns und verlangte die Rechnung. „Bringen Sie meinem Freund aber bitte noch einen Kaffee“, rief ich dem Mädchen zu. Sie nickte kurz und verschwand wieder. „In meinem Wagen liegen noch Zigaretten, ich hol sie kurz“, meinte Georg beiläufig und machte sich darauf, die Hoteltür zu erreichen, um nach draußen zu gelangen.  Und plötzlich hörte ich das Mädchen schreien.

Als ich mich umdrehte, wurde ich von einem Sog erfasst, der mich zur Tür hinzog. Ich bemerkte, wie Georg sich an der Hoteltür festklammerte, als würde eine unsichtbare Hand ihn nach draußen zu ziehen versuchen. Durch die offene Tür konnte ich draußen das blanke Chaos sehen, was dort herrschte. Autos wurden durch die Luft gewirbelt und verschwanden einfach so im Himmel. Auch Bäume flogen mitsamt ihren Wurzeln über die Dächer und verschwanden wie Raketen senkrecht nach oben. Georg schrie, das Mädchen schrie. Georg sein schreiendes Gesicht war mit Eis bedeckt und sein Schreien wurde langsam schwächer. Schließlich ließ er die Tür los, wurde vom Sog erfasst und wurde nach oben gerissen, wo er in den Wolken verschwand. Das Mädchen schrie noch immer. Auch ihr Gesicht bedeckte sich langsam mit Eis und sie musste sich am Hoteltresen festkrampfen, um nicht nach draußen gesogen zu werden. „Wir erfrieren“, dachte ich panisch. „Wenn ich hierbleibe, erfriere ich, genau wie Georg und der Sturm wird mich nach draußen ziehen.“ Die Kälte drang mittlerweile durch meine Kleidung und schnitt mir in die Haut. „Scharf, wie ein Messer“, dachte ich und rannte los. Ich rannte die Treppen hinauf, bis ich in den dritten Stock kam. Unter mir hörte ich das Heulen des Eissturms, laut, gefährlich, wie eine rasende Bestie. Ich stürmte in mein Zimmer, schloss die Tür zu und versuchte, wieder zu Luft zu kommen. Ich kramte mein Handy aus dem Mantel und wählte die Nummer meines Zuhauses. Nichts, kein Freizeichen, gar nichts. Das Telefon war tot. Ich warf das Handy auf das Bett und schnappte mir die Fernbedienung. Auch der Fernseher: weißes Rauschen, mehr nicht. War ganz Rotterdam von der Außenwelt abgeschnitten? Auf dem Flur rüttelte der Sturm gegen die Zimmertür und Eiswolken krochen durch das Schlüsselloch. Ich konnte sehen, wie der Türgriff vereiste. Auch die Fensterscheiben waren inzwischen weiß von Eiskristallen und der Sturm rüttelte unbarmherzig an ihnen. Nicht mehr lange, dann würden die Fenster zerspringen, oder einfach nachgeben und dieses Hotelzimmer würde mein Grab werden. Ich schaute mich panisch um, zwang mich zur Ruhe und überlegte was zu tun sei. Ich ging ins Badezimmer. Das Bad hatte keine Fenster, das war ein Vorteil. Die Badewanne bot zwar keinen Schutz, allerdings ließ sie sich mit Kleidung, Decken und Matratzen ausfüllen. Der Schlitz unter der Badezimmertür ließ sich vielleicht notdürftig mit Handtüchern abdecken. Ich durchwühlte die Schränke, schaute unter das Bett, nahm auch den kleinen Teppichvorleger und schleppte alles, was ich tragen konnte ins Badezimmer und füllte die Badewanne auf. Wenn ich mich nur genug eindecken würde, überlebe ich das hier vielleicht, dachte ich. Aber die Menschen da draußen? Was war mit denen? Etliche hätten nicht soviel Glück wie ich, in einem schützenden Badezimmer gefangen zu sein und etliche würden auch schon erfroren sein, oder, wie mein bedauernswerter Freund Georg, einfach vom Sturm davongerissen sein. „Eine Art Wettermaschine.“ War es das wirklich? Eine Wettermaschine? War es nicht etwas anderes? Konnte es sich nicht um etwas handeln, was aktiviert wurde, wenn es endgültig genug war? Ich dachte an das arme Hotelmädchen Marina, die ihr Märtyrum noch ihr ganzes Leben bei sich tragen würde, sofern sie jetzt nicht erfroren war. Ich dachte an den Mann, der in einer Seitengasse verprügelt worden war, an die verkommenen, dunklen Straßen, mit ihren bedrohlichen Häusern, die einen zu verschlingen drohen. Ist dieser Sturm, dieser schwarze Wind, wie sie ihn im Mittelalter genannt haben, ein Zufall? Und ist seine tödliche Entschlossenheit, alles zu vernichten, wo immer er auftritt, auch ein Zufall? Ich habe nie an Zufälle geglaubt und tue es bis heute nicht. Ich nahm die restlichen Decken aus dem Kleiderschrank, begab mich ins Badezimmer und machte mich an die Arbeit.

 

Ende

Bewerte diesen Beitrag!
5 von 5 Sternchen, bei 1 Stimmen.
Deine Bewertung:
Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu. Weitere Hinweise und Abschaltmöglichkeiten kannst du auf unserer Datenschutzbelehrung lesen und aktivieren.

Es ist Zeit - DEINE Zeit Unsere Romowe-Uhr nur 79,95 statt 99,95€ Ausblenden